Textbeispiele Prosa

Hier findet ihr  die vier Beispiel – Texte:

Mara fährt

Schokoladentage

Himmelblau

Geschälte Tomaten

Da ich das mit den Hyperlinks noch nicht so drauf habt, müsst ihr leider herum – scrollen. Oder einfach alle hintereinander lesen!

Mara fährt

(Bremer Autorenstipendium 2011)

Ich habe meine Zeit verloren. Irgendwo am Rande dieser Straße. Vielleicht liegt sie im hohen Gras, vielleicht unter einer Laterne im Regen, vielleicht auch mitten auf dem Weg und jedes Mal, wenn ein Auto dort entlang fährt, wirbelt sie ein Stück in die Luft und sinkt wieder auf den Asphalt. Ich schlafe wenn ich müde bin und ich esse wenn ich hungrig bin. Ich esse nicht viel, weil ich mich kaum bewege. Mein Lebensraum beträgt etwa einen Quadratmeter. Wenn ich mich aufrolle wie eine Assel kann ich mich hinlegen. Oder wie ein Baby. Ich habe seit Tagen nicht geduscht und in keinen Spiegel mehr gesehen. Ich frage mich, ob ich vergessen kann, wie ich aussehe.

Ich bin nicht weggelaufen. Das kann man nämlich nur, wenn jemand einen festhalten will. Wenn es allen egal ist, was man tut oder wo man ist, ist es kein weglaufen, denn dann hat man ja gar nichts vor dem man weglaufen kann. Dann braucht man auch kein Ziel. Dann muss man immer nur weiter laufen, wie der Typ in „The long walk“ von Stephen King, oder so.

„Budapest?“ hat Nic gefragt, als er angehalten hat und ich eingestiegen bin und ich habe gesagt „OK“.

„Chewing gum?“ war seine nächste Frage und er hat mir eine Packung mit Kaugummis hingehalten. Wir haben beide einen genommen und dann haben wir gekaut und für einige Zeit nichts gesagt.

Später hat er mir von seiner Heimat erzählt und bunte Bilder in meinen Kopf gemalt, von tanzenden Menschen und Lagerfeuern am Strand, von Weinbergen und süßem Obst, von kleinen bunten Häusern und freundlichen Leuten. Er hat bulgarische Musik angemacht und die Sängerin hatte die gleiche Sehnsucht in ihrer Stimme, wie Nic in seinen Augen und von dort ist sie auf mich getropft, bis ich sie auch gefühlt habe und ein Ziel hatte. Eine Sehnsucht, nach etwas, das ich noch gar nicht kannte. Früher hatte ich mehr Sehnsucht. Wenn man ein Kind ist, sind Sehnsüchte noch viel größer, weil man noch nicht weiß, das manche von ihnen, von alleine weniger werden und dass man sie sogar vergessen kann.

„Ich fahre dich soweit geht, dann suche ich für jemand nach Bulgarien. No problem. No Problem.“ hat er gesagt.

Seit Stunden fahren wir jetzt schon durch die Dunkelheit.

Gelegentlich wischen die Lichter entgegenkommender Autos vorbei. Das Radio findet keinen richtigen Sender mehr und spielt, leise rauschend, eine Mischung aus einer Oper und Maccarena. Ich schaue vor uns auf die Straße und konzentriere mich auf den Rhythmus aus Begrenzungspfeilern und Mittelstreifen. Plötzlich zieht das Auto nach links. Vor uns ist niemand und mir ist nicht klar, was Nic vorhat. Als er auch noch auf die dritte Spur fährt, seh ich zu ihm rüber. Sein Kinn ist auf die Brust gesunken und seine Augen sind geschlossen. Ich rufe laut seinen Namen und reiße von der Seite das Lenkrad rüber, nur Zentimeter bevor wir an die Leitplanke schlagen. Bevor unsere Reise in einem Regen aus Metall und Glas ertrunken wäre . „No Problem, no Problem“ sagt Nic mit plötzlich aufgerissenen Augen, steckt sich gleich zwei Kaugummis in den Mund und hält mir die Packung hin. Am nächsten Rastplatz hält er an.

„Schlafen“ sagt er.

Ich schaue mich in der Fahrerkabine um. Wahrscheinlich schläft er normalerweise auf der Sitzbank. Ich würde gerne einfach sitzen bleiben. Aber er muss fahren. Also muss er auch richtig schlafen. Er sagt „No Problem.“ und zeichnet mit dem Finger zwei nebeneinanderliegende Linien über die Sitze. Ich schüttel den Kopf. „Ich schlafe unten“, sag ich und er sagt wieder „Nein, nein, no Problem! Komm hier!“

Ich sehe eine deutliche Ausbeulung in seiner Hose.

Ich fange einfach an mich im Fußraum einzurichten. Am Lenkrad vorbei und unter die Amaturenbretter und so, dass der Hüftknochen nicht genau auf der Erhöhung in der Mitte aufliegt. Wir tanzen ein wenig auf engstem Raum um einander herum, versuchen uns höflich aneinander vorbei zu sortieren und auf unseren Plätzen auszubreiten. Als ich endlich liege, kann ich nicht mal mehr einen Arm bewegen. Angeblich kann man auf einem Tennisball liegen, ohne dass es wehtut, wenn man sich richtig entspannt. Oder auf auf einem Nagelbett. Von der Seite kommt ein kalter Luftzug auf mich zu gekrochen.

Als es still wird, fragt Nic neben mir: „Massage?“

„Nope“ sage ich und sehe wie er mit geschlossenen Augen grinst.

Kurz darauf fängt er an tief und grunzend zu schnarchen.

Ich beobachte durch ein Seitenfenster, wie der Mond vom Türschloss bis über die Windschutzscheibe wandert.

Als ich höre, wie Nic sich endlich regt und aufsteht, bin ich sehr erleichtert. Er geht nach draußen und lehnt die Tür nur an. Ich versuche mich zu bewegen, aber meine gesamte linke Körperhälfte fühlt sich an wie alter Stoff und gehorcht mir nicht mehr. Mit meinem rechten Fuß stoße ich die Tür wieder auf. Dann lasse ich mich langsam, die Füße zuerst, nach draußen rutschen. Bis er wiederkommt, sitze ich vor dem Auto, an den großen Reifen gelehnt und versuche erholt aus zu sehen.

Er hat zwei Pappbecher mit Kaffee in der Hand, die in der aufgehenden Sonne leuchten und ein kleiner Lichtkranz umgibt auch ihn. Nur die passende Orgelmusik fehlt noch.

Unsere nächste Pause machen wir gegen Mittag, am Ufer der Donau. Sie ist weit an der Stelle, wie ein See, aber mit einer schnellen Strömung. Für einen Moment überlege ich, ob ich schneller sein würde, wenn ich mich im Fluss treiben ließe. Die Sonne wärmt schon ein bisschen. Ich nehme einen flachen Stein und versuche ihn über das Wasser springen zu lassen. Nach nur einem Hüpfer geht er unter. Der nächste schafft immerhin zwei. Nic neben mir hebt einen großen Stein auf und sagt: „Pass auf, ich zeig dir, wie man machen!“ Er holt aus, wirft und mit einem lauten, dumpfen Plopp, verschluckt der Fluss den Stein. Ich schaue ihn anerkennend an und sage: „Das war Großartig! Du hast es wirklich drauf!“ Aber dann muss ich schnell losrennen, weil Nic mit gespieltem Zorn und ausgestreckten Armen hinter mir her läuft.

Der Motor brummt jetzt in meinem Kopf und der Kolben schlägt hoch und runter, von meinem Nacken an die Schädeldecke. Ich suche in meiner Tasche nach Kopfschmerztabletten.

„Was suchen?“

„Meine Aspirin“

„Nimm hier“. Er reicht mir eine Blisterpackung mit bulgarischen Schriftzeichen.

„Nein danke. Ich muss meine hier irgendwo haben.“

„Wirklich! Sind gut! Nehm!“

„Ich habe meine eigenen.“ Endlich habe ich sie gefunden.

„Was ist? Was hast du Angst? Weil ich bin Bulgaria? Weil ich bin Mann? Denkst du, weil ich bin Mann und Bulgaria, das sind Drogen, man? Das ich dir will Drogen geben und dann ausrauben oder Sex haben, oder was?“

Er wird richtig böse und beginnt auf mich ein zu reden, halb auf deutsch, halb auf bulgarisch. Dabei fuchtelt er immer weiter mit den Tabletten vor meiner Nase herum. Dann nimmt er selber eine und sagt immer wieder: „Guck! Keine Drogen! Keine Drogen!“ Ich nehme schnell eine von meinen Aspirin. „Danke wirklich. Ist gut.“

„Nichts gut, nichts gut!“ ruft er immer aufgebrachter. „ Du hast serious Trust – Problem!“ Dann sagt er gar nichts mehr und starrt vor sich auf die Strasse.

Er steckt sich einen Kaugummi in den Mund und bietet mir keinen an.

Dann geht plötzlich alles ganz schnell. An der nächsten Raststädte unterhält er sich mit zwei älteren Männern. Ihre Gesichter erinnern mich an die Ledereinbände alter Bücher. Wenn sie den Mund aufmachen, sieht man einige wenige schiefe gelbe Zähne. Im Moment schauen sie eher skeptisch in meine Richtung. Einer fährt einen Kleinbus mit einem weiteren Auto auf dem Anhänger, der andere ein Auto mit einem deutschen Kennzeichen.

Nic kommt zurück und nimmt meinen Rucksack vom Lieferwagen.

„Sie fahren Bulgaria. Du kannst mit fahren.“

Ich versuche sehr neutral zu gucken. „Ja, du kannst sie vertrauen! Sind arme Menschen. Gute Menschen. Wenn sie haben nur eine Scheibe Brot, sie schneiden in zwei Teile, zu teilen mit dir.“ Damit dreht er sich auch schon um und geht auf das Auto mit dem Anhänger zu. Ich laufe schnell Nic und meinem Rucksack hinterher.

Der Bulgare bedeutet mir mit einem Kopfnicken einzusteigen. Mir bleibt nur noch Zeit, Nic kurz die Hand zu schütteln. „Danke. Für alles.“ „S udowolstwie.“

Dann sitze ich schon auf dem breiten Beifahrersitz und wir fahren los. Der Mann zeigt auf sich und sagt „Krasi“, ich zeige auf mich und sage „Mara“.

Während er vom Parkplatz hinuntersteuert, hält er mir eine kleine Packung hin.

„Chewing gum?“ fragt er.

Ich will nicht gleich mein Buch heraus holen. Das wäre irgendwie unhöflich.Wir kauen beide und gelegentlich schauen wir uns kurz an, nicken und lächeln. Schließlich frage ich: „Do you speak english?“ Er schüttelt den Kopf. Dann zeigt er auf seine Brust.

„Ich – fünf Sprachen!“ Dabei streckt er stolz alle Finger einer Hand in die Luft. „Ach!“ Ich gucke beeindruckt. Krasi sagt: „Bulgarisch, Autohändler – Deutsch, Autohändler – Russisch, Autohändler – Rumänisch, Autohändler – Griechisch!“ Er grinst mich an und wedelt mit einer Hand vor meiner Nase herum: „ Wieviel hä? Wieviel? Neeein! Ist viel zu teuer! Guck hier ist kaputt und hier – alles kaputt! Ist scheiße! Russisch? Slishkom dorogo! Ona slomana. K chertjam vse!“ Ich applaudiere und er verbeugt sich huldvoll.

Geht aber trotzdem. Mit dem Unterhalten. Mit ein paar Wörtern und vielen Gesten. Wir haben ja Zeit. Er hat einen Sohn. Der ist 22. Er studiert „Economics“. Damit er lernt, was er mit der neuen Freiheit im Land machen kann. Und dass er wieder Träume haben darf. Durfte man früher nämlich nicht. Da tat man, was gesagt wurde. Aber sein Sohn, der ist anders. Der hat Chancen. Was großes zu werden. Vielleicht sogar aus Bulgarien heraus zu kommen. Deswegen fährt er und sein Kollege nach Deutschland. 2-3 mal im Monat. 4 Tage hin, 4 Tage zurück. Autos kaufen und in Bulgarien verkaufen. Davon kann er leben. Und seinem Sohn das Studium bezahlen. Meistens. Der soll kein Autohändler werden.

Dann zeigt er mir das Foto, das an seiner Sonnenblende klemmt.

Am Anfang habe ich immer versucht auf der Karte zu verfolgen, wo wir gerade sind. Aber das mache ich jetzt nicht mehr.

Irgendwo in meiner Bauchgegend, bildet sich eine kleine Wolke. Weiß und flaumig hebt sie ab und ich fühle kaum noch den holpernden Autositz unter mir und werde auch ein bisschen federleicht.

Als ich noch klein war, ist mein Vater einmal auf einen hohen Berg gestiegen. Er hat gefragt, ob er mir etwas mitbringen soll. Ich habe gesagt, ein Stück Wolke, bitte. Da hat er mit dem Kopf geschüttelt und ein bisschen traurig gelächelt.

Irgendwann bin ich eingeschlafen. Als ich aufwache, haben wir die rumänische Grenze schon hinter uns gelassen. Ich habe genug gelesen und schaue aus dem Fenster, auf die Geschichten die dort herum liegen.

Auch die kleinen Dörfer hier haben ihre Zeit verloren. Aber weil sie außerdem noch viele ihrer Menschen verloren haben, sitzen sie still am Straßenrand, schauen auf die vorbeirasenden Autos und zerfallen langsam zu buntem Staub. Nur manchmal pickt ein Huhn im Sand.

Rumänien ist ein riesiges Venedig, mit Bergen statt Kanälen. Und weniger Brautpärchen. Es hat den selben Atem, den Atem einer Sterbenden, die einmal ausgesprochen schön war und es auf ihre verknitterte Art immer noch ist. Und trotzdem tut es weh. Diese Paläste und Herrenhäuser, die Bauernkaten und verwahrlosten Blumengärten zerbrochen und verwittert zu sehen.

Wie eine alte Puppe im Keller.

Irgendwann werde ich auch zerfallen und zerknittern. Dann werden meine Fenster blind und meine Mauern schwach und bröslig und mein Haar wird verbleichen wie ein altes Ziegeldach. Ich wünsche mir, dass mein Staub farbig ist wie ein Regenbogen, wenn es so weit ist.

Vor uns fährt ein Pferdegespann. „Das“ sagt Krasi und zeigt auf den Wagen, „rumänischer Zigeuner – LKW“. Ich muss lachen, obwohl das politisch ziemlich unkorrekt ist. Aber da fährt Krasi schon fort: „Zigeuner wie Politiker. Machen alle Zappzerapp.“ Dabei macht er eine Handbewegung als ob er etwas in die Tasche steckt. Jetzt muss ich wirklich lachen und denke nicht mehr nach.

Ich beuge mich aus dem Fenster und zusammen mit dem Fahrtwind, atme ich ein bisschen von dem Gefühl ein, das hineinweht. Es füllt ein Loch in meiner Brust, von dem ich gar nicht wusste, dass es da war.

Ein dumpfes Klopfen taumelt in meinen Traum, zieht mich hinauf an die Wrklichkeit und ich merke, dass ich wieder eingeschlafen war. Krasi flucht und fährt langsamer. Dichter weißer Dampf steigt auf. Beim nächsten Parkplatz halten wir an. Krasi öffnet die Kühlerhaube und schraubt an ein paar Ventilen und Schläuchen herum. Dann tritt er gegen das Auto. „Kaputt! Viel zu teuer! Scheiße! Scheiße!!“ ruft er. Damit ist sein gesamtes Autohändler – Deutsch aufgebraucht. Aber mehr Worte braucht es auch nicht. Er setzt sich neben das kaputte Auto und schaut es böse an. Ich setze mich neben ihn und gebe ihm eine Zigarette.

Wir lösen die Gurte des kleinen Autos auf der Ladefläche, lassen es von der Rampe, hängen den Anhänger dort ein und laden den Kleinbus auf. Der Anhänger ist zu klein und irgendwie steht an allen Seiten etwas über. Krasi winkt ab und sagt: „OK, OK“ und zieht noch ein paar weitere Gurte fest um den Wagen. Er wühlt in seinem Werkzeugkoffer und zeigt auf eine Schraube. „Weg“ sagt er und sucht weiter. Dann nimmt er ein Stück Kabel aus der Kiste und schneidet es mit der Schere aus dem Verbandskasten durch.

Als wir weiterfahren, kommen wir nur noch langsam vorwärts. Das kleine Auto ist völlig überfordert, den schweren Anhänger durch die Berge zu ziehen. Dann fängt es auch noch an zu regnen. Krasi schlägt auf das Lenkrad. Er zeigt auf die Scheibenwischer. „Kaputt“ sagt er.

Regentropfen fliegen auf uns zu und zerplatzen auf der Windschutzscheibe zu leuchtenden Sternen. Um überhaupt etwas sehen zu können, winkelt er die Arme stark an und rückt mit der Nase bis fast an die Scheibe. Der Motor röhrt schmerzhaft während wir den Berg hinauf kriechen. Eine alte Frau, mit einem Handwagen voller Melonen, überholt uns und wirft uns einen verstörten Blick zu.

Die Sonne geht weg, nur das Motorengeräusch bleibt und irgendwann machen wir eine kurze Pause. Krasi reicht mir Brot und Tomaten. Aber mein Bauch hat keinen Hunger. Vielleicht wegen der Wolke darin.

Sobald es dämmert, kommen die Straßenhunde hervor. Ich frage mich, wo sie tagsüber sind. Sie sind immer zu zweit. Man kann sofort sehen, welcher von beiden der Anführer ist. Er geht vor, schaut sich gelegentlich um, ob der andere ihm folgt. Sie durchwühlen die Abfalleimer und umrunden die Menschen im großen Bogen. Ich werfe einem ein Stück von meinem Brot zu. Er nähert sich vorsichtig. Ich strecke meine Hand aus und erwarte ein bisschen, dass er danach schnappt. Aber als er merkt, das ich ihn nicht treten will, schmiegt er sich vorsichtig an mich und lässt sich für ein paar Minuten kraulen. Sein Kollege ruft ihn. Ein kurzes trockenes Bellen. Er schaut noch einmal zu mir auf, leckt mir kurz über die Hand und läuft zu ihm. Er beißt ein etwas größeres Stück von dem Brot ab. Das andere bringt er seinem Freund.

Wir haben schon seit Stunden nichts mehr gesagt. Wir haben zu wenig gemeinsame Worte um uns lange zu unterhalten. Manchmal zeigt Krasi auf eine besonders schöne Stelle und ich sage Ohhh oder Ahhh oder ich zeige auf ein besonders schönes Gebäude und Krasi nickt, wissend und stolz. Oder wir sehen etwas gleichzeitig. Den kleinen schwarzen Hund auf dem Pferdekarren, der mit seinem Bellen das große Tier vorwärts treibt, während der Zigeuner auf der Ladefläche liegt und döst. Oder die Ziegen die auf den Stufen der weißen Kirche liegen und genussvoll am Holzkreuz knabbern. Dann gucken wir uns kurz an und lachen.

Zu Hause rede ich immer. Ich erzähle was ich gemacht habe, ich erzähle was mir passiert ist oder was jemand anders mir erzählt hat. Und weil ich soviel rede, fragt keiner und niemand merkt, dass ich nie das wirklich Wichtige erzähle. Was es mit mir gemacht hat zum Beispiel. Oder über die Gedankenknäule ohne Anfang und Ende in meinem Kopf und die großen kalten Flecken in meinem Herzen. Ich erzähle meine Geschichten darüber hinweg. Wie Brücken. Und alle denken, sie kennen mich so gut und sind zufrieden. Nur manchmal, ganz selten, lasse ich jemand dorthin. Aber das ist wie sich nackt auszuziehen. Hinterher schäme ich mich, so entblößt und zitternd da gestanden zu haben. Dann ziehe ich mich schnell wieder an, erzähle eine lustige Geschichte und hoffe niemand hat es gemerkt. Es ist schön, einfach hier zu sitzen und gar nichts zu sagen.

Die Sonne geht wieder auf. Die Berge öffnen sich und hinter der nächsten Kurve, zeigt sich unvermittelt das Meer. Es erstreckt sich über den gesamten Horizont, in einem leicht geschwungenen Bogen. Wenn ich die Linie weiterdenke, kann ich mir ein klein wenig vorstellen, wie groß die gesamte Kugelform der Erde sein muss. Wir machen beide „Ahhhhhh“ und lachen. Krasi fährt weiter bis an eine Klippe. Er hält das Auto an und zeigt raus. Ich nicke. Wir steigen beide aus und setzen uns an den Rand. Nach der kristallenen Luft der Berge, streicht der Wind hier warm und samtig über unsere Gesichter. Ein paar Sonnenstrahlen gehen auf meinem Arm spazieren und zusammen mit dem Flüstern der Wellen und dem Schreien der Vögel, erinnern sie mich an einen Traum, den ich früher einmal hatte.

Er reicht mir eine Zigarette, nimmt sich selber eine und zündet beide an. Während wir dem Rauch nachschauen, wie er sich vor uns kringelt und dann vom Wind über das Wasser getragen wird, hören wir dem Meer zu. „Prekrasen“ sagt er und ich nicke und sage „wunderschön“ und er nickt und sagt: „wonderscheen“ und dann sitzen wir einfach nur da.

Auf gerader Strecke kommen wir wieder besser vorwärts. Stunden ziehen vorbei und Dörfer und Städte. Manchmal etwas Wald. Alte Frauen sitzen an ihren Fenstern und gähnen. Alte Männer sitzen am Straßenrand und verkaufen Tomaten und Honig und Gartenzwerge. Einmal schläft Krasi für 2 Stunden auf der Rückbank während ich an einem kleinen Bach sitze und ins Wasser gucke.

Ein andermal halten wir am Seitenstreifen. Vor uns ein Pferdewagen. Zwei Frauen in langen Röcken und mit Kopftüchern hacken Holz daneben. Auf dem Wagen spielen zwei kleine Mädchen. Alles an ihnen ist dunkel. Ihre Haut, ihre Haare, ihre Augen. Im Schatten werden sie unsichtbar. Während Krasi sich in die Büsche verzieht, setze ich mich vor das Auto und esse einen kleinen Kuchen, den er mir geschenkt hat. Sie starren darauf. Als ich auf sie zugehe, werden sie nervös. Ich rede mit ihnen. Auch wenn sie mich nicht verstehen. Aber sie verstehen das ich nett sein will. Sie nehmen den Rest vom Kuchen und lächeln schüchtern zurück. So wie das nur kleine Mädchen können. Die Ältere bricht ein etwas größeres Stück für sich selber ab. Das andere gibt sie ihrer kleinen Schwester.

Krasi schläft jetzt nicht mehr. Er fährt schon seit über 20 Stunden. Aber er weiß, er ist fast zu Hause. Er rutscht auf seinem Sitz herum und versucht seinen Rücken zu strecken. Er steckt sich einen Kaugummi nach dem anderen in den Mund. Alle paar Sekunden blickt er auf das Foto an seinem Sonnenschutz.

Er zeigt auf ein Schild. Ruse – 20 km und dann auf seine Brust und strahlt.

Er hält auf einem großen Parkplatz. „Hier gut. Viele LKW.“

Dann nimmt er meine Hand in seine beiden Hände und schüttelt sie ausgiebig.

„Viele Glück“ sagt er und ich bedanke mich. Und noch mal. Dann gibt er mir seine Telefonnummer und ich verspreche ihm, das ich anrufe wenn jemand ein Auto verkaufen will. Dann kommt er, es holen.

Als er wegfährt ist es sehr dunkel. Und sehr leise. Die Luft ist ganz warm und riecht nach sehr weit weg.

Es dauert nicht lange bis ich Simenow finde. Er fäht nach Burgas, in den Süden. Ich richte mich auf dem Sitz ein und wir nicken uns freundlich zu.

Ich habe vergessen, warum ich losgefahren bin.

Es kommt mir absurd vor, bald an einer Stelle zu bleiben und in einem Bett zu schlafen. Vielleicht fahre ich einfach immer weiter. Ich schaue aus dem Fenster und lasse die Bilder an meiner Leere vorbei ziehen. Solange bis ich am Ozean bin. Dann suche ich mir ein Schiff. Und wenn ich um die ganze Erde herum bin, beginne ich von vorne. Ich habe meine Zeit verloren und ich brauche sie nicht mehr.

Wenn ich nach rechts schaue, ist dort ein Bild. Eingerahmt in das schwarze Dichtungsgummi des Autofensters. Es soll dort bleiben, für immer neben mir und meinem schweigenden Kopf. Ein Feld voller Sonnenblumen, ausgestreckt bis an den Horizont. Aber noch während ich das denke, ist es wieder weg.

„Chewing gum?“ fragt Simenow.


Schokoladentage

(Veröffentlicht in der Wortlaut – Anthologie 2012  „Von Oben“ )

„Haste gar nicht“, habe ich gesagt und mir selber nicht geglaubt.

„Habe ich wohl“, hast du gesagt, einen deiner Zöpfe nach hinten geworfen und deine Nase, die viel zu klein war für die große Brille, ganz hoch in die Luft getreckt.

Du hast immer gewonnen. Beim Mensch ärger dich nicht, weil du fast nur Sechsen gewürfelt hast, bei Trivial Pursuit, weil du alles ohne zu zögern beantwortet hast und jeden Streit, weil du Dinge so sagen konntest, dass ich einen Knoten ins Hirn bekam, obwohl es davor noch ganz klar war in meinem Kopf. Dann haben meine Antworten nicht mehr zu deinen Fragen gepasst und du hattest eben doch recht.

Ich war verdammt stolz auf dich.

Manchmal aber hattest du so recht, dass ich dich beißen musste oder kratzen, damit ich nicht ganz verliere. Aber du, du hast einfach gelacht und so getan als ob es kitzelt, obwohl ich sah, wie dein Arm einen Fleck bekam und dann hatte ich irgendwie doch nicht gewonnen.

Dabei war ich viel größer als du. Ich konnte auf deinen Scheitel sehen, der gerade, wie mit einer Sichel gezogen deine Haare teilte.

Aber du nanntest mich „Kleine“, weil du ein halbes Jahr älter warst.

Ich tat so, als ob ich das blöd finden würde und habe dich ein bisschen gehauen. Aber nur ein bisschen, weil ich es eigentlich mochte.

Sonst hat mich niemand „Kleine“ genannt.

„Haste eben nicht“ habe ich gerufen und dazu mit dem Fuß aufgestampft.

„Wetten das wohl?“ hast du gesagt und so fiese gelächelt das mein Mund sich halten musste.

Ich war oft bei dir, vor allem in den Ferien, weil mein Vater tot war und meine Mutter gearbeitet hat und weil ein Kind das immer alleine ist, sich zu schnell in seinem eigenen Kopf verläuft.

Deine Mutter hieß Bärbel, hat Marmorkuchen gebacken und auf ein Einbauschlafzimmer gespart. Sieben Jahre lang und dann Ikea.

Ich weiß nicht, wovon sie dann geträumt hat.

Gelegentlich hat sie mich so blickdicht von oben angeguckt. Vor allem wenn sie der Frau beim Bäcker oder an der Aldi-Kasse erklärt hat, dass ich ja nicht ihre Tochter war, sondern die von ihrer besten Freundin und sie auf mich aufpasste, weil mein Vater tot war. Dann haben die Frauen ganz dunkle Augen bekommen, obwohl sie ihn doch gar nicht gekannt hatten und haben mir Schokolade geschenkt. Die habe ich dir gegeben. Du mochtest so gerne Schokolade und hattest keinen toten Vater.

Dein Bruder, Torsten ohne H, war damals mindestens zwei Meter fünfzig groß, obwohl er nur zwei Jahre älter war als du. Seine Tür stand immer offen, wie der weiche Mund eines Schwachsinnigen. Er hatte drei Aquarien mit vielen bunten Fischen drin und er hat jedem einen Namen gegeben und so getan als ob er alle erkennen würde.

Er schlief auf einem Klappbett weil sein Zimmer so klein war. Das hat man an die Wand geklappt und es sah aus, als ob es schlucken könnte. Wenn ich da war, hat er Hausaufgaben gemacht oder seine Aquarien gereinigt. Unsere Eltern haben immer gesagt – nehmt euch ein Beispiel an Torsten. Aber dann hat er seine Vorhänge angezündet und fast das Haus abgefackelt. Danach hatte er Hausarrest und wir mussten uns kein Beispiel mehr nehmen.

Unsere Mütter waren beste Freundinnen. Damals dachte ich, beste Freundinnen kann man nur sein wenn man kleiner ist. Ich dachte, Erwachsene haben Bekannte und Nachbarn.

Meistens waren sie sich einig.

Wenn wir am Küchentisch saßen, mit den Ellbogen auf dem Tisch und warteten, dass alle aufgegessen hatten, redeten sie über „die Kinder“, als ob wir gar nicht neben ihnen saßen oder als ob sie noch andere Kinder hätten.

Wenn wir aufstehen durften, redeten wir nicht über „die Eltern“.

Wir trainierten.

Heimlich natürlich.

Zuerst haben ihnen die Hände weh getan. Dann sind die Kochlöffel abgebrochen und die Pfannenwender verbogen. Ich weiß nicht, ob sie etwas gemerkt haben.

Nur im Gesicht tat es noch weh. Da kann man nicht trainieren. Aber das war immer schnell und kurz. Gemein war es nur mit der Rückseite der Hand, wegen der Ringe. Wenn man frech war. Das war absehbar und man konnte sich ducken. Dann fletschten sie die Zähne.

Wir waren unverletzlich geworden.

Ein einziges Mal hast du zurück geschlagen.

Ich habe mich das nie getraut.

Manchmal haben wir arme Mädchen gespielt. Wir machten uns einen Dutt ganz hoch auf dem Kopf, zogen lange Röcke und Blusen an und banden uns Schürzen um. Dann waren wir Waisenkinder, die ganz viel arbeiten mussten und abwechselnd waren wir auch Aufpasser, die gemein waren und brüllten und machten, dass die armen Mädchen immer mehr und schneller arbeiteten.

Irgendwie wechselten wir immer so ab, dass du viel öfter Aufpasser warst, aber das war in Ordnung.

Am Wochenende war Parzelle. Das war gut, mehr Bäume und weniger Müllcontainer.

Wenn wir genügend geholfen hatten, durften wir spielen. Meistens Tischtennis.

Ich habe immer verloren. Torsten und du haben mich ausgelacht und deine Mutter auch, wenn sie vorbei gekommen ist und dein Vater wusste immer warum, zum Beispiel wegen meiner Jacke, schaut euch nur mal diese Ärmel an.

Meine wundervolle pinke Jacke, die ich gerade neu hatte und deren Ärmel so weit waren, dass die Jacke fast ein Dreieck bildete. In der Schule waren alle neidisch.

Dann habt ihr alle gelacht und so getan als ob euch eure Jacken fesseln und erwürgen würden. Und weil alle gelacht haben, habe ich auch gelacht und mit den Armen geschlagen wie ein Vogel oder wie eine Fledermaus. Ganz laut habe ich gelacht, damit ihr merkt, dass es mir nichts ausmacht. Dann hat dein Vater aufgehört zu lachen und mich so komisch angeguckt. Dabei waren wir doch draußen. Zu Hause durfte ich nicht lachen wenn er da war. Er hat immer gesagt, man könnte mich bis zum Ende der Straße hören und dass das nicht ginge.

Das eine Mal hat er gesagt, dass die Wände so dünn sind wie Papier. Ein anderes mal, dass man hört wenn die Nachbarn die Zeitung umblättern. Ich habe nie ganz verstanden was das mit mir zu tun hatte und stellte mir vor, wie die Nachbarn die Wände umblätterten um zu gucken, was so lustig war.

Danach habe ich wieder meine alte blaue Jacke angezogen, bei der meine Arme raus ragten wie Klobürsten.

Du fandest es immer blöd, wenn ich etwas Neues hatte. Deswegen habe ich dir irgendwann nichts mehr gezeigt oder so getan als ob ich es schon lange hätte.

Meine Mutter hatte mir erklärt, dass ihr viel weniger Geld habt, weil ihr zu viert seid und doppelt so viel Essen und Wohnung und Klamotten braucht und deswegen auch nicht so viel davon habt.

Als du dich das nächste Mal über meine neuen Schuhe lustig gemacht hast, war ich nicht mehr beleidigt. Ich habe gesagt, dass ist, weil ihr arm seid und da hast du weggeguckt und gar nichts mehr gesagt. Da dachte ich kurz, dieses eine Mal, dass ich gewonnen hätte. Aber später hat mich meine Mutter dafür verhauen, weil du es deiner Mutter erzählt hast und die ganz böse auf meine Mutter geworden ist. Erst war ich ein bisschen böse auf dich, aber dann habe ich gedacht, du kannst ja nichts dafür, dass du arm bist.

Am Nachmittag gab es Kaffee und Marmorkuchen und Schokoladenmilch für uns. Das war so, weil dein Vater da war.

Einmal hast du gerufen: Guckt mal was ich kann, und den Mund voller Kakao genommen. Du hattest tagelang geübt. Ganz viel Trinken und dann in die Backen, die ganz weit aufgeblasen waren, wie ein Frosch oder ein Zeppelin. Dann hast du drauf gehauen und genau in dem Moment hinunter geschluckt. Es machte nur plopp und ich habe jedes Mal umsonst aufgehört zu atmen.

Ich musste schon kichern vor lauter Vorfreude, aber als das Geräusch sich ganz anders anhörte als sonst, verschluckte sich das Kichern in meinem Hals, noch bevor ich die Kakao – Flecken auf der weißen Tischdecke und dem karierten Gartenhemd deines Vaters gesehen habe.

Alle haben nichts mehr gesagt und die Stille war so laut wie das Ticken einer Küchenuhr.

Du bist von selber hinter ihm her gegangen, hinter das Gartenhäuschen und deine Mutter hat ganz schnell den Tisch abgedeckt, obwohl wir noch gar nicht richtig angefangen hatten zu essen.

Als du wiedergekommen bist, hattest du rote Augen, aber geguckt hast du, wie wenn ich dich gekniffen habe und du gesagt hast, hat doch gar nicht weh getan.

Ich habe dich nie weinen sehen, wenn du wach warst.

Torsten und ich haben dich in die Mitte genommen und Waisenhaus gespielt. Er hat sogar mitgespielt, das hat er nur ganz selten gemacht, weil wir eigentlich zu klein waren und Mädchen. Und du, du durftest die ganze Zeit Aufpasser sein.

Später lagen wir im Gras und haben in den Himmel geguckt.

Ich habe gesagt, ich fände die Wolke sähe aus wie ein Känguruh. Oder wie eine Elfe die Kopfstand macht.

Du hast deinen Kopf in den Nacken gelegt und in die Richtung geguckt in die mein Finger gezeigt hat.

Ich finde, hast du gesagt, Ich finde die Wolke sieht aus…..wie ein Wolke! und dann habt ihr gelacht, Torsten und du, ohne mich und euch vor Lachen auf dem Rasen herum gerollt.

Wenn wir nach Hause gekommen sind, haben wir zusammen auf deinem Schlafsofa gelegen und unsere Haut hat nach draußen gerochen.

Du brauchtest nicht mal etwas zu sagen. Nur in meine Richtung gucken, eine Augenbraue hoch zu ziehen und zu nicken. Wenn ich versucht habe mich weg zu drehen, war plötzlich dein Gesicht ganz groß vor meinem, weil du dich über mich gebeugt hattest. Du hast mir in die Augen geschaut und genickt und nicht mehr aufgehört. Deine Haare strichen dabei hin und her über mein Gesicht und kitzelten mich in Augen und Nase.

Dann bin ich aufgesprungen und habe dich zu Boden geworfen und meine Hände waren in deinen Haaren und dein Knie war in meinem Bauch.

Deine Mutter stand im Türrahmen und hatte einen Kochlöffel in der Hand. Aber daran klebte nur etwas Teig.

Das tut doch weh, hat sie gesagt und wir haben geantwortet: Solls auch. Dann hat sie den Kopf geschüttelt und ist wieder Richtung Küche davon gegangen.

Wir haben uns noch ein bisschen an den Haaren gezogen und gegenseitig an den Handgelenken festgehalten, bis dort ganz rote Ringe waren um die Knöchel und die Hände ganz weiß wurden. Wenn ich nicht mehr konnte und locker gelassen habe, hast du dich befreit und mich gekitzelt. Das war gemein, weil ich so kitzelig war und du natürlich überhaupt nicht. Wir sind über den Boden gerollt und dann saßt du auf mir, weil ich gar nichts mehr machen konnte, wie ich so versucht habe, alle kitzeligen Stellen gleichzeitig zu schützen, mit meinen Armen.

Du hast mich ganz fest an den Handgelenken gehalten, meine Arme auseinander gebogen und sie auf den Boden gedrückt.

„Hab ich wohl“, hast du geflüstert.

Und dann haben wir uns geküsst. So richtig auf den Mund und mit Zunge. So wie wir es immer gemacht haben.

Himmelblau

(Veröffentlicht in der Zeitschrift der Straße, Ausgabe: Sedan-Platz)

Hörst du mir eigentlich zu? Fragt er. Ich tu so, als ob ich ihn nicht sehe. Vielleicht ist er ja auch gar nicht da. Die Sonne zertrennt den Platz in zwei Hälften, eine helle und eine dunkle, präzise wie mit einer Stoffschere. Die leere Markthalle spiegelt alles, was nicht passiert.

Es ist so heiß, das eine dicke Schicht irgendwas auf dem Platz liegt, irgendwas, dass das Atmen schwer macht und das Gehen auch. Ich muss meine Füße ganz hoch heben beim Laufen. Wie im Schnee. Manchmal bleibe ich trotzdem stecken. Er macht es sich mal wieder leicht und benutzt einfach meine Fußstapfen.

Eine Frau schiebt einen Kinderwagen vorbei. Papa kommt gleich, säuselt sie dem Kind vor. Das schaut mich an und scheint etwas zu erwarten. Wenn ich einen fröhlichen Gedanken in meinem Kopf hätte, würde ich ihm daraus ein Lachen machen. Hab ich aber nicht.

Dadadada macht es, sabbert und rudert mit den Armen. Lustiges Wort, geht in mich rein und wächst und will wieder raus und ich mach auch dadadada nur lauter, bin ja auch größer. Dafür sabber ich nicht.

Die Mutter tut so als ob ich nicht da bin, aber das Kind lacht mich jetzt an. Papa kommt gleich, sag ich ihm und es sagt dadadada. Wir verstehen uns. Die Mutter schiebt weiter, das Kind dreht sich im Wagen um und winkt mir, die Mutter sagt, schau nach vorne.

Das Irgendwas grinst mir zu, von da wo die Anderen sind. Blödes Irgendwas. Aber immer noch besser als das Nichts. Das ist auch manchmal da und dann wird’s dunkel und beim Fallen wird’s einem schon langweilig, weil man weiß, dass hört jetzt erst mal nicht auf.

Als ich klein war, bin ich da manchmal wo raus gekommen, auf der anderen Seite, war aber kein Kaninchen da. Nur Bilder und mein altes Zimmer, als wir noch mehrere waren. Da gabs Waffeln mit Sahne, die Schuhe standen in einer ordentlichen Reihe im Flur und an Weihnachten haben erst alle geschrien und dann geheult. Ich krabbel auf dem Boden rum und stoß mir den Kopf am dunkelbraunen Couchtisch. Mama nimmt mich in den Arm und streichelt mir über den Kopf. Dann flüstert sie mir etwas ins Ohr.

Papa kommt gleich. Vielleicht.

Wenn man denkt, dass es anders wird, hält man es noch aus.

Ein Hund trabt hechelnd über den Platz, die Zunge fast am Boden, tropfen tut’s auch, irgendwie albern. Er lacht. Obwohl ich’s gerade selber noch lustig fand, hab ich das Gefühl den Hund verteidigen zu müssen. Mach ich aber nicht.

Hunds Herrchen kommt und Frauchen kurz dahinter. Hund läuft Wellen und Kreise und dreht sich um sich selbst. Herrchen guckt und sagt zu Frauchen: Guck mal, der weiß auch nicht wohin er will. Frauchen sagt: Stimmt nicht. Er weiß nicht wohin DU willst. Wie soll er auch. Is ja ’n Hund. Herrchen nickt und nimmt den Hund an die Leine.

Ich gehe probehalber ein paar Mal im Kreis. Er macht mit. In Wellenlinien gehe ich um das Hunde- Herrchen-Frauchen-Pärchen rum. Sie versuchen so zu tun, als ob nichts wäre. Das ist ziemlich lustig. Dann will der Hund gestreichelt werden und setzt sich auf meine Füße damit ich nicht weg kann. Schlauer Hund. Wenn ich mich ganz klein mache, bin ich fast so klein wie er und kann ihm in die Auge schauen. Wo isn der Papa? frag ich ihn und dann halte ich mir die Augen zu. Seine feuchte Nase stupst gegen meine Hände. Ich nehm sie weg und rufe: Daaaa ist der Papa! Und er kläfft und hüpft und freut sich, bis er keine Luft mehr kriegt, weil die Leine so sehr an seinem Halsband zieht, dass er über den Platz rutscht.

Er kugelt sich auf dem Boden vor Lachen.

Ich denke darüber nach, wie es wohl ist, ein Hund zu sein.

Ich würde gerne mehr nachdenken können, aber immer wenn ich es versuche, kommt so ein Wirbelsturm in mein Hirn. Dann denke ich an Dinge und die denken selber an etwas anderes und alles gerät durcheinander bis sie sie gar keine Dinge mehr sind. Wenn ich einmal einen sehr schlauen Menschen kennenlerne, werde ich ihn bitten, mir ein Programm zu schreiben für meinen Kopf, einen Chip, der wie eine Sortiermaschine alle Gedanken nimmt und ordnet und in Listen ausdruckt. Ich mag Listen.

Listen und blauen Himmel. Sind beide so schön aufgeräumt.

Manchmal haben wir uns früher auf dem Schulweg hingelegt und dann stundenlang in den Himmel geguckt. Hätten wir wohl auch auf einer Wiese machen können, aber so war es spannender. All die Geräusche und Autos und Hupen um uns herum, wie in einem Action – Film. Dann sind wir viel zu spät zur Schule gekommen, aber das hat nichts gemacht, die haben ja sowieso alle über uns gelacht.

Die alte Frau Breder, von hinten aus der Straße läuft schon wieder mit diesem Blick herum. Menschen kommen aus dem Netto und sie fragt: wissen sie, wo ich wohne? Die Menschen sagen leider nein und das tut mir leid. Keiner wundert sich, als würde sie nach der Uhrzeit fragen. Ich gehe zu ihr und sage, ich weiß es und hake sie ein. Sie guckt mich an, wie mich das Kind angeguckt hat. Ich weiß nicht mehr wo mein Haus ist, sagt sie und ich nicke. Sie murmelt, gestern habe ich es noch gewusst.

Er läuft nebenher und ich lasse sein Lachen auf mich regnen , bis wir da sind und warten, dass oben in Frau Breders Wohnung das Licht angeht. Manchmal kann ich ihn echt nicht leiden.

Als es dunkel wird und hier wird es viel dunkler als anderswo, verschwindet er langsam. Gut so, endlich Ruhe. Kommt ja morgen wieder. Hoffe ich. Mache mir Sorgen um ihn.

Papa kommt gleich, rufe ich ihm hinterher, aber ich glaube, er hört mich nicht mehr.

Geschälte Tomaten

 (Veröffentlicht im „Richtungsding Nr.IV„)

Man läuft, man rennt, man schläft, aber nicht zu lange, man verpasst nichts, weil das ja nicht geht und der Zug sonst abfährt, ohne einen. Will man nicht. Solange der Kopf sich bewegt, muss er nicht denken, sondern nur immer, immer weiter gehen und solange man nicht zurückschaut, passiert auch nichts schlimmes.

(Drehen Sie sich nicht um, Frau Lot!)

Dann ist jeder Tag ein neuer Tag und ein frisch gebleichter Anfang.

Für heute aber, ist es schon zu spät.

Es hat sich ausgetanzt meine Damen.

(Und Herren)

(Verzeihung)

Man tut so etwas nicht. Das wissen wir doch, nicht wahr?

(Böses Mädchen)

Vater : Ach, sind wir auch schon da?

Ich : Ja, Vater

Vater : Können wir nicht die Uhr lesen?

Ich : Doch, Vater

Mutter : Du weißt doch, dass Vater gerne pünktlich isst

Vater : Maria, würdest du dich bitte nicht einmischen?

Mit seiner Hand auf dem Tisch, bin ich in Sicherheit. Sichelförmige Fingernägel graben sich in warmes Fleisch. Blut pulsiert Schweißperlen auf Pergament. Die Narben an der rechten Hand kratzen auf weicher weißer Haut.

Aber in der Küche wohnt Harmonie. Also seien wir innig! Verbunden durch die gleiche Flüssigkeit in unseren Adern, dick, so dick, dass zäh das richtige Wort ist, dass ein Tropfen sich nicht lösen würde. So bleibt die Tischdecke rein.

In meiner Brust wohnt ein Tierchen. Es regt sich, als es ihn riecht und verzieht sich schleunigst ins Abseits um nicht gesehen zu werden.

Vater : Warum wäscht du die Pilze nicht, Maria?

Mutter : Weil man Pilze nicht wäscht

Vater : Meine Mutter hat die Pilze immer gewaschen und wie du siehst lebe ich ganz gut.

Mutter : Ja, Vater.

Ich weiß jetzt was richtig ist, denn er hat gesprochen und das kleine Tier in meiner Brust nickt, weil es stimmen muss und meine Hände nehmen die Pilze um sie zu waschen, weil es Mutter nicht tut. Hütet euch Pilze. Nicht vor mir. Ich tue nur was getan werden muss.

(Gutes Mädchen)

Wolken entströmen den Töpfen und entladen sich über dem Küchentisch in Hagel.

Ich mag Sommerregen, wenn er auf meine nackten Füße fällt und nach Gras riecht und nicht nach Brokkoli.

Das die Welt so groß ist, sagen sie und ich glaube ihnen wenn ich die phosphorizierenden Plastiksterne über meinem Bett zähle.

Du hast Augen wie Sterne, sagt der Nachbar und ich frage mich warum. Ich frage meine alte Puppe Mirabell, sie hat viel gesehen, sie hat Augen wie Sterne, aus gelbem Plastik und nachts leuchten sie vom Regal auf mich herunter und passen auf das ich nicht böse werde.

Wenn man nasse Pilze in heißes Öl fallen lässt, spritzt es und zischt es und schäumt kleine Bläschen auf Hände. Das weiß man. Das lässt man.

(Dummes Mädchen)

Mutter : Oh mein Schatz, deine Hände

Vater : Das wird ihr nicht nochmal passieren.

Später wird er sie drücken, bis das Wasser aus ihnen heraus schießt.

(Selber Schuld)

Wenn die Worte in meinem Kopf aus meinen Ohren und Nasenlöchern kriechen könnten, lägen sie nun in der Mitte des Tisches und starrten zu uns hoch und ich hätte gar keine Schuld, wenn Mutter sie aufheben und einen Moment in den Händen halten müsste – bevor Vater sie verbrennen würde, mit seinem sengenden Atem.

Dann wären Mutters Hände so verletzt wie meine und keiner würde ihr tröstend über den Kopf streichen.

(Arme Mama)

Mein kleines Tier hüpft in meiner Brust auf und ab vor Vorfreude und klatscht Beifall mit kleinen Pfötchen.

(Du bist zu laut)

Doch das Wasser kocht lauter, sprudelt Lärm und dämpft jeden Applaus. Wenn es den Rand berührt, muss es heraus und wenn es einmal heraus ist, wird mein Tierchen tanzen und ich mit ihm.

(Ich kann gar nicht tanzen)

Als es anfängt mich am Bauch zu kitzeln, muss ich es schlagen.

(Verzeih mir)

Vater : Warum dauert es so lange?

Mutter : Es kocht doch schon.

Vater : Wo ist Brot?

Mutter : Im Ofen.

Vater : Brich mir ein Stück ab.

Mutter : Ja, Vater.

Vater : Es ist grau.

Mutter : Es gab kein weißes.

Vater : Du hättest dir mehr Mühe geben sollen.

Mutter : –

(Eine Träne)

Mein Tierchen erhebt sich und ballt eine Faust, die ich schnell unter meinem Rock verstecke.

(Böses Tierchen)

Er guckt zu mir, als hätte er gesehen. Falls ja, wird er mich hauen müssen und ich mein Tier und wenn wir uns beide in unseren blauen Flecken winden, kann er endlich wieder lächeln und dann wird alles, alles gut.

(Denn du sollst Vater und Mutter ehren)

Dann verschwindet die feuchte Stelle auf dem Laken, wie ein schlechter Scherz, den nur ich mir denken kann, weil keiner lacht.

Wenn die Leine meines Verstandes mich weiterzieht, winken Wäschestücke mir nach und sind Blütenweiß.

Mein kleines Tierchen lacht und lacht.

(Bitte hör auf)

Vater : Was gibt es zum Nachtisch?

Mutter : Äpfel und Pflaumen.

Vater : Das ist kein Nachtisch, das ist wiederlich. Nur weil du Süßes nicht schmecken kannst und lieber auf Karotten kaust.

Mutter : (bleibt nur schweigen)

Vater : Wir wissen wovon ich rede, nicht wahr?

beugt er sich über den Tisch und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Seine Zungenspitze, ein nasser Wurm, der auf meiner Haut herum wandert.

(Braves Mädchen)

Draußen kräht irgendwo ein Hahn.

Ich nicke.

(Natürlich)

Mein Tierchen schüttelt sich und übergibt sich warm auf die Innenseite meiner Schenkel. Sein verklebtes Fell richtet sich auf und drängt mich, es weit fort zu tragen, aber es braucht viel Zeit.

(Bewegt euch)

Die Kirchturmuhr schlägt dreimal Zwölf und reckt den Hals bis ihre Augen in mein Innerstes starren, auf Dreck und Schlamm und meine Verdorbenheit. Der Wetterhahn hackt Löcher in die Flächen meiner Hände, die blutlos auf dem Tisch liegenbleiben, bis Mutter sagt: „Das Essen ist fertig!“

(Gott sei gedankt)

Nebelschwaden-nudelberge, gebadet in bräunlicher Tomatensauce. Ein wahres Fest, oh Mutter.

Faltet euch ihr Hände, vereint euch zweisam im gemurmelten Gebet des Vaters.

Vater : Blick gnädig auf uns hernieder, oh Gott, denn wir sind sündig. Aber alles können wir ertragen, solange wir miteinander und füreinander alles sind. Denn das ist dein Wille, Oh Gott und dem wollen wir folgen. Amen

Amen

Amen

Amen

(Das Echo)

Und jedes Amen, das mein armes Tier durchbohrt, das schweigt bis zum Ende.

(Warum hast du mich verlassen?)

Ich muss weiter.

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